Manuela im Badezimmer

Lass mich knieen, lass mich schauen,
lass mich sterben, lass mich leben,
denn ganz bin ich hingegeben
diesen gottgegeb'nen Frauen.

Harrend auf des Blickes Wonne,
spähend durch des Schlüssels Lauf,
geht auf einmal mir die Sonne
drin im Badezimmer auf.

Zieht den Blick nach ihrer Seite,
weiche Schluchten, runde Höh'n.
Statt der weißen Wände Weite:
Endlich kann ich sie erspäh'n!

Augenstrahl ist mir verliehen
wie dem Luchs auf höchstem Baum.
Doch nun muss ich mich bemühen,
alles ganz genau zu schau'n.

Bein und Brust mir zugewendet,
gierig saug ich an dem Glanz.
Diese Nacktheit wie sie blendet,
blendete mich Armen ganz.

Wusst ich endlich mich zu finden
vor dem Badezimmer-Tor:
Nebel schwanken, Nebel schwinden:
Solche Göttin tritt hervor!

Meine Augen waren offen,
sie als Ganzes anzuschau'n.
Und ich fühlte mich besoffen:
Oh wie schön sind doch die Frau'n!

Doch ich konnte nicht mehr fliehen,
als sie trat aus jener Tür.
Und sie hat mir nie verziehen.
Doch der Blick war's Wert dafür.


Johann Wolfgang von Androethe

Gedicht geschrieben als Verballhornung von
"Turmwärter Lynkeus" aus Goethes Faust