Schirin Ebadi zum Kopftuch-Streit

Die iranische Friedensnobelpreisträgerin 2003 Shirin Ebadi spricht im Spiegel-Interview über die Kopftuch-Politik:

SPIEGEL: Während Ihres Aufenthaltes in Frankreich trugen Sie kein Kopftuch. War das ein demonstrativer Akt gegen die Mullahs?

Ebadi: In Iran muss jede Frau ein Kopftuch tragen, so sind nun mal die Gesetze. Da ich die respektiere, verhülle ich mein Haar, wenn ich in meiner Heimat bin. Außerhalb meines Landes muss ich dies aber nicht tun und kann meine ganz persönliche Entscheidung treffen.

SPIEGEL: Vor allem in Deutschland ist eine heftige Debatte über die Symbolkraft des Kopftuchs ausgebrochen, da es vielfach als Zeichen der Unterdrückung gesehen wird.

Ebadi: Man muss den Menschen die Freiheiten lassen. Wenn eine Frau in Europa ein Kopftuch tragen möchte, dann muss man ihr das zubilligen. Ihnen steht es doch auch frei, eine Krawatte umzubinden.

SPIEGEL: Gerade das Kopftuch aber wird als das Symbol der Fundamentalisten gesehen, die eher für Frauenfeindlichkeit stehen.

Ebadi: Alle Dinge kann man nutzen oder ausnutzen. Wichtig ist der Respekt vor der persönlichen Freiheit.

SPIEGEL: Weil eine muslimische Lehrerin auch im Unterricht ihr Kopftuch tragen will, beschäftigt diese Kleiderfrage sogar unser Bundesverfassungsgericht.

Ebadi: Auch wenn wir der Überzeugung sind, dass Staat und Religion völlig getrennt sein sollten, müssen wir einsehen, dass Kleidung eine sehr persönliche Entscheidung ist. Es sind die Gedanken des Menschen, die zählen. Ich hoffe, Ihr Gericht wird sich letztlich für die Freiheit der Menschen bei der Wahl ihrer Bekleidung entscheiden.

Zitiert aus: DER SPIEGEL Nr.46, 10.11.2003, S. 134