Ritter André blüht auf

Eines Abends als Ritter André spazieren ging, kam ein dichter Nebel. André verirrte sich und geriet ins Moor. Weil es dunkel wurde, suchte er eine trockene Stelle und legte sich nieder.

Als er am nächsten Morgen erwachte, hatte sich der Nebel gelichtet und Ritter André beschloß, der Sonne entgegen zu gehen.

Gegen Mittag wurde er sehr hungrig und er erreichte einen Hügel, wo das Land trockener wurde. Dort fand er zwei Feuersteine. Er schlug sie so gegeneinander, dass sie in Stücke sprangen. Dann brach er sich einen Ast und befestigte den schärfsten Splitter, so dass es ein Speer wurde.

Bald lichtete sich der Wald und André sah eine große Wiese. Und mitten auf der Wiese weidete eine weiße Stute im Schatten eines Lindenbaumes. Da lief dem Ritter das Wasser im Munde zusammen und er wollte sich heranschleichen.

Aber plötzlich spürte er eine Hand auf seiner Schulter und wie er den Kopf drehte, sah er eine alte Frau, die sprach: "Weil Du mein Pferd essen wolltest, sollst Du eine Blume werden und das Tier soll Dich fressen. Honigduft und Rabenschrei, werd ein Blümchen eins zwei drei!" und schon war Ritter André ein kleines Pflänzchen geworden.

Und es wurde sieben mal Nacht und Tag. André wuchs heran und blühte auf.

Da hörte er das Pferd nahen. Und wie das Tier jene wunderhübsche Blume sah und den süßen Duft spürte, öffnete es sein Maul. Da flüsterte André: "Bitte freß mich nicht, denn ich bin keine gewöhnliche Blume. Ich war ein Ritter, bis die Hexe mich verwandelte." Das Pferd antwortete: "Wahrhaftig, noch nie hat eine Blume zu mir gesprochen! Auch ich bin keine gewöhnliche Stute, sondern ich war eine schöne Prinzessin namens Amarilla, bis die Hexe mich strafte, weil mein Kutscher die Alte mit der Peitsche geschlagen hatte als sie im Wege stand."

Da jammerte der Ritter: "Soll ich nun hier als Blume verwelken, oder von Dir gefressen werden?"

Und wieder sprach das Pferd: "Mit den Jahren haben meine Ohren manchen Spruch der Hexe gehört. Und wenn ich mir auch nicht selbst helfen kann, so will ich doch Dir helfen: Süßer Duft und Blumenglück, wandle Dich geschwind zurück!" Und schon hatte der Ritter wieder seine alte Gestalt.

André setzte sich auf die Stute und ritt zum Lindenbaum, wo die Hexe gerade nach Kräutern suchte. Der Ritter hob seinen Speer und er drohte: "Verrate uns den Spruch, damit Amarilla wieder zur schönen Prinzessin wird!"

Da lächelte die Hexe: "Ich bin alt geworden, junger Mann, und die weiße Stute ist nun schon tausend Jahre hier, so dass ich den Spruch vergessen habe. Aber ich will euch gerne einen sagen, damit ihr beide zu Kröten werdet..."

Da warf André seinen Speer, so dass die Hexe an den Baum geheftet wurde. Blut floß aus ihrem Munde als sie starb.

Und André ritt auf Amarilla der Morgensonne entgegen.

Bald gerieten sie in den Sumpf und das Pferd begann zu sinken. Das Tier seufzte: "Mich kannst Du nicht retten, so rette wenigstens Dich!" Da griff André mit den Händen nach dem Ast eines abgestorbenen Baumes und Amarilla versank. Noch im Sterben verwandelte sich das Pferd in eine schöne Prinzessin und der Ritter sah, wie sie vom Schlamm aufgesogen wurde.

André vergoß eine Träne, dann kletterte er an die Spitze des Baumes. Kaum einen Steinwurf entfernt sah er einen Pfad. Dort kam gerade ein Junge mit einem Korb in der Hand. Schon rief der Ritter um Hilfe. Vor Schreck ließ der Knabe den Korb fallen und Pilze kullerten heraus.

Doch schnell hatte sich der Junge wieder gefasst und rief zurück: "Haltet aus, fremder Herr, ich will ins Dorf eilen und Hilfe holen!" Geschwind packte er die Pilze zurück in den Korb und ging eilig davon.

Gegen Mittag kamen drei Männer mit einer langen Leiter. Die legten sie auf den Schlamm bis an den Baum und Ritter André konnte hinüber kriechen und er war aus dem Sumpf gerettet.