Ritter André verlässt das Land

Durch die Zerstörung seiner Burg, hatte Ritter André alles verloren, bis auf die Kleider die er am Leibe trug. So dachte er hin und her und entschied sich schließlich, das Land zu verlassen. Denn hier, das wußte er, könnte er niemals mehr glücklich sein. Früher war er zwar auch nie glücklich gewesen, jedenfalls konnte er sich nicht erinnern, aber er hatte seine Burg. Nun aber würden alle lachen und rufen: "Seht her, da kommt der Ritter ohne Burg!"

So wartete Ritter André bis es Nacht wurde und schlich sich davon. Gegen Morgen kam er an einen Wald, suchte sich ein trockenes Plätzchen und legte sich schlafen. Er wanderte sieben Nächte und er schlief sieben Tage, damit ihn niemand sehen könnte, bis auf die Eulen und Fledermäuse der Nacht und den Mond der ihm freundlich den einsamen Weg beleuchtete.

In der achten Nacht aber überfiel ihn ein großer Hunger. Da sah er in der Ferne einen Bauernhof und aus dem Fenster des Hauses leuchtete ein Licht. Glücklich ging er weiter, bis er den Hofhund bellen hörte. Da öffnete sich die Tür des Hauses und vor dem hellen Lichtschein zeigte sich der dicke Schatten des reichen Bauern: "Wer ist da und was wollt Ihr?" rief der Bauer. "Hier ist André. Gegen den Hunger wollte ich Euch um ein Brot bitten." antwortete der Ritter. "Scheer Dich davon, Landstreicher, Räuber, Hühnerdieb!" rief der Bauer und hetzte seinen Hund auf den traurigen Ritter. Der Hund lief um André herum, knurrte, fletschte die Zähne und schnappte dem Ritter nach den Beinen. Der Bauer aber ging zurück ins Haus und holte sein Gewehr: "Erst Gestern hast Du mir die Gans gestohlen, so sollst Du heute das Schrot haben!" rief er und plötzlich hörte André einen Schuß und im gleichen Moment jaulte der Hund laut auf. André nutzte die Gelegenheit und gab Fersengeld. Er rannte so schnell er konnte, er rannte und rannte und er wußte: Immer noch befand er sich in dem Land, das er verlassen wollte.

Nachdem er eine Weile gerannt war, sah der Ritter einen Feuerschein im Tal und vorsichtig humpelte er näher. Um das Feuer lagen weiße Federn und am Spieß bruzzelte eine fette Gans. Da raschelte es plötzlich hinter dem Ritter und eine tiefe Stimme knurrte: "Bleib stehen, oder ich schieß Dir den Kopf vom Hals! Wer bist Du und was willst Du?" "Ich bin der Ritter André. Der Hund hat mich für Deine Gans gebissen, nun will ich auch meinen Teil haben." Da lachte der Gänsedieb: "Weil ich nicht weiß, womit ich Dir den Kopf wegschießen soll, sollst Du eben Deine Hälfte haben." Der Ritter erhielt eine saftige Gänsekeule und dazu noch Brot und Wein und bald schon fielen dem Ritter André die Augen zu und erschöpft aber mit vollem Magen schlief er ein.

Im Schlaf träumte der Ritter, er rennte durch das Land und hinter ihm hetzte eine Meute bellender Hunde und Jäger schössen auf ihn mit Schrotgewehren. Im Traum rannte der Ritter über Felder und durch Wälder, er stolperte über Steine und kratzte sich an Dornen und Disteln und nachdem er gerannt war und immer weiter gerannt war, kam er ans Meer, die Hunde bellten hinter ihm und die Jäger schossen. Und vor ihm türmten sich die Wellen des Meeres und die kalte Gischt spritzte ihm ins Gesicht. Panik und Verzweiflung stiegen in ihm auf: Sollte er sich im Meer ertränken oder würden ihn die Jäger erschießen und die Hunde zerfleischen?.

Doch da erwachte der Ritter. Der Gänsedieb beugte sich im Feuerschein über ihn und deckte ihn mit einem dicken Mantel zu. Es blitzte und donnerte und dicke Tropfen plätscherten vom Himmel und Ritter André merkte, dass er geträumt hatte. Aber in dieser Nacht wurde ihm auch klar, dass er das Land nicht würde verlassen können.

Deshalb blieb Ritter André im Land und er ging unter die Räuber. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte...