Ritter André heiratet Helena von Lotterstein

Nachdem der Raubritter André wegen guter Führung aus der Hölle begnadigt worden war, wurde er ein guter Mensch. Nie wieder zog er seine schwarze Raubritterrüstung an, nie wieder nahm er sein Schwert in die Hand und nie wieder schlug er einen reichen Kaufmann tot. Stattdessen verzichtete er auf alle unguten Gefühle, er verzichtete auf Hass und Neid, auf Missgunst und Gier und er verzichtete sogar auf die Liebe und auf allen weltlichen Besitz und er ging in den Wald und lebte dort als Einsiedler.

Früh morgens erhob sich André aus seinem taufrischen Nachtlager, setzte sich unter einen herbstlichen Kastanienbaum und meditierte. Ob die Sonne den Nebel aus dem Moor lockte, ob es regnete und stürmte, stets roch seine Nase den Duft des nahen Sumpfes, seine Augen sahen das Krabbeln der Ameisen und seine Ohren hörten das Summen der Mücken. So schulte André seinen Gleichmut und er fühlte, wie er allmählich eins wurde mit der göttlichen Natur.

Im Lande aber verbreitete sich bald die Kunde von dem gleichmütigen Einsiedler und sorgenbeladene Menschen begannen zu ihm zu pilgern. Sie brachten ihm eine Kleinigkeit zu essen und wollten ihn mit eigenen Augen schauen, so als glaubten sie nicht, dass ein Mensch so froh und ausgeglichen und ganz ohne ungute Gefühle leben könnte.

Manch einer erzählte dem Einsiedler etwas von den vielen kleinen und großen Sorgen eines geschäftigen Lebens und André lächelte dazu. Die Pilger aber spürten Hoffnung und Erleichterung und kehrten mit guten Vorsätzen nach Hause zurück.

So kam eines Tages auch Helena von Lotterstein zu dem Einsiedler: Helena war jung und schön, sie hatte braune Augen und ein sanftes Wesen. Nur eine Schwäche hatte Helena. Gott hatte, als er sie schuf, vergessen, eine innere Uhr einzubauen. So kam Helena stets zu spät zu Verabredungen und ihre Schulden zahlte sie nie zurück oder erst, nachdem sie von der Inflation verringert waren.

Helena war traurig und verstand die Welt nicht mehr, denn sie hatte viele Feinde und nur wenig Freunde. Vor allem war sie aber davon betrübt, dass sie keinen Mann finden konnte. Zwar wollte schon mancher Jüngling sie heiraten, doch Helena war stets erst dann gekommen als alle Hochzeitsgäste und der Jüngling schon wieder gegangen waren.

Auch zu dem Einsiedler kam Helena sehr spät, aber André merkte nichts, weil er selbst ja immer da war im Wald. Nur wunderte er sich ein wenig, dass es Abend war als sie kam.

Helena klagte dem Ritter ihr Leid, vor allem, dass kein Mann sie heiraten wolle. Da besann sich Ritter André, blinzelte in den Sonnenuntergang und sagte: "Das verstehe ich gar nicht. Ich würde Dich gerne heiraten." Helena freute sich, lächelte und schloß ihre sanften Augen und der Ritter küßte sie auf den Mund.

Sofort verließ Ritter André gemeinsam mit der schönen Braut seine Einsiedelei. Hätte er sich noch einmal umgeblickt, so wäre ihm nicht entgangen, wie ihm die Ameisen und Mücken traurig hinterherblickten und wie zum Abschied ein kalter Nebel aus dem Sumpf emporstieg.

Kaum hatten Helena und André den Wald verlassen, da beraumten sie auch schon einen Hochzeitstermin an.

Am vereinbarten Tag versammelten sich die Gäste und die Eltern der Braut in der großen Halle in Helenas Burg. Dort war es sehr verlottert: überall hingen Spinnweben, die Türen quietschten und die Balken ächzten, denn Helena war nie zu Hause gewesen, wenn die Handwerker oder der Reinigungsservice vor der Tür standen.

Als Ritter André zur Hochzeit erschien, besuchte er zunächst Helena in ihrer Kammer. André wollte nämlich gemeinsam mit seiner Braut die Gäste begrüßen. Da sagte Helena: "Ich komme gleich nach. Ich will mir nur noch das weiße Brautkleid anziehen, die Haare kämmen, die Augen schminken und den Mund rot anmalen." So ging denn Ritter André alleine, die Gäste zu begrüßen.

Nachdem er die Gäste begrüßt hatte, nahm André ein Glas roten Weines, stellte sich neben den großen Kamin in der Halle und wartete gemeinsam mit den Gästen auf seine Braut. Sie warteten und warteten und warteten und Ritter André wurde von dem vielen Warten müde und lehnte sich an den Kamin. Plötzlich tat es einen lauten Knall und Staub wirbelte auf und die Steine aus denen der Kamin gemauert war, fielen auseinander.

Als der Staub sich gelegt hatte, merkten die Gäste, dass Ritter André von einem Stein erschlagen war. Nur André merkte nichts, denn er war tot.

Helenas Mutter übernahm die schwere Aufgabe, ihrer Tochter das Unglück mitzuteilen. Als Helena vom Tod ihres Bräutigams erfuhr, zerbrach ihr das Herz und Helena starb auf der Stelle.

So beschlossen die gerührten Gäste, dass Ritter André und Helena von Lotterstein, wenn sie schon kein Paar geworden waren, wenigstens beisammen begraben sein sollten. Und die Gäste vereinbarten den nächsten Tag als Beisetzungstermin und gingen wieder nach Hause.

Am nächsten Tag aber, als Helena in ihren Sarg gelegt werden sollte, war ihre Leiche verschwunden. So mußte man wohl oder übel, zumal es regnete und stürmte und niemand warten wollte, den armen Ritter André alleine begraben. Eilig trug man seinen Sarg zum Friedhof, senkte ihn hinab in die feuchte Grube und warf im plätschernden Regen Erde darüber. Dann gingen die Leute schweigend auseinander.

Später erzählte mancher, ihm sei beim Hinausgehen aus dem Friedhof eine weiße Gestalt erschienen, die mit sanfter Stimme gefragt haben soll: "Wer ist denn gestorben?"