Ritter André befreit eine Sängerin aus Peters Burg

Einst war Ritter André gemeinsam mit vielen anderen Rittern zu einem großen Mittagessen auf der Burg des Ritters Peter eingeladen. Das Essen aber begann um Mitternacht, denn Ritter Peter war blind: Weil er keine Sonne und keinen Mond sehen konnte, schlief er tagsüber und wachte nachts und er verwechselte Mitternacht mit Mittag.

Peter war auch arm geworden, denn er hatte nicht sehen können, wie sein Gold gestohlen wurde. Deshalb mußten seine Gäste trockenes Brot essen und salzigen Fisch und klaren Schnaps trinken und die Burg war voller Spinnweben und Staub. Aber das machte den Rittern nichts, denn der Schnaps stieg ihnen schnell zu Kopfe und ihr Blick wurde glasig und trüb.

Nur Ritter André trank keinen Schnaps, weil er davon schlechte Träume und Kopfschmerzen bekäme. Stattdessen trank er klares Wasser, das ihm ein eigens bestochener Diener Peters namens Mischa nachschenkte, denn André wollte nicht auffallen und als Schwächling verspottet werden.

Dann, nachdem die Ritter getafelt hatten und schon viel klaren Schnaps getrunken, rief Peter, der blinde Ritter: "Komm Alexandra und singe uns ein Lied!" Da kam ein junges Mädchen, zart und fein und begann traurige Lieder zu singen wie eine Nachtigall. Die Ritter aber lachten und gröhlten und tranken klaren Schnaps. Nur Ritter André bemerkte, wie Tränen über die Wangen der blassen Sängerin kullerten.

Da schlich André in die Küche, gab seinem treuen Mundschenk einen Taler und fragte nach der traurigen Sängerin Alexandra. "Ach Herr Ritter, es ist eine Qual das mit anzusehen." sagte Mischa: "Nachts muß Alexandra in der Burg für Ritter Peter singen und tagsüber arbeitet sie im Dorf, denn Ritter Peter kann ihr nichts bezahlen. Wenn Sie aber abends zur Burg geht, muß sie selbst noch einen Taler an die Wache zahlen, um eingelassen zu werden."

Weil er nichts verstand, fragte André erstaunt: "Aber warum kommt sie noch in die Burg, warum bleibt sie nicht einfach unten im Dorf?" Mischa antwortete: "Peter hat ihre Seele gefangen und wenn er ihren Gesang nicht mehr hört, muß ihre Seele sterben."

André ging zurück und setzte sich zu den anderen Rittern an den langen Tisch und er war sehr traurig und ließ seinen Kopf hängen. Aber niemand bemerkte es, denn Ritter Peter war blind und die Augen der anderen waren vom klaren Schnaps glasig und trüb geworden.

Als das Mittagessen gegen Morgen zu Ende war, schlich Ritter André müde, traurig und ernüchtert nach Hause und fiel in einen unruhigen Schlaf und obwohl er nur klares Wasser getrunken hatte, bekam er einen schlechten Traum: In einer finsteren Gruft saß der Ritter Peter an einem schmutzigen Tisch und lachte und gröhlte und in seiner groben Faust hielt er einen kleinen Vogel gefangen und das Vöglein piepste und sang verzweifelt und goldene Tränen kullerten aus seinen Äuglein. Am Boden aber krochen die Wachen des bösen Ritters und sammelten die goldenen Tränen auf und steckten sie in ihre ledernen Geldsäckchen.

Gegen Abend erwachte der Ritter André erschöpft, denn durch das mitternächtliche Mittagessen war er aus seinem normalen Tagesrhythmus geraten. Weil er nur Brot und Wasser bekommen hatte, war er hungrig und wollte etwas essen, doch er konnte keinen Bissen schlucken, so sehr hatte ihn das traurige Schicksal der zarten Sängerin berührt.

Da erfaßte ihn eine innere Unruhe und Ritter André sattelte seine rote Stute und ritt in den Wald und er gab dem Pferd die Sporen, dass die Bäume nur so vorüberflogen. Doch plötzlich scheute das Tier und blieb stehen und Ritter André flog über den Kopf des Pferdes und landete im weichen Moos des Waldbodens. Seine Stute aber schnaubte und lief davon.

Als er aufstehen wollte, sah Ritter André plötzlich zwei gelbe Augen über sich. Da erschrak er und dachte, es sei ein Wolf und er zog sein Schwert und wollte mitten zwischen die Augen stechen. Doch da sprach die zittrige Stimme einer alten Frau: "Laßt mich leben, junger Herr und Dir soll ein Wunsch in Erfüllung gehen." "Nun gut," sprach der Ritter, der sich schon wieder gefaßt hatte, "dann will ich mir wünschen, dass die Sängerin Alexandra nicht mehr in Peters Burg singen muß." "Nichts leichter als das!" lachte die Hexe: "Ich befürchtete schon, Du würdest Dir drei weitere Wünsche wünschen. Komm mit!" Die Hexe ging voraus, mit krummen Rücken und krummen Beinen aber geschwind und Ritter André folgte ihr humpelnd, denn jetzt merkte er, dass er mit seinem Hintern auf einen morschen Ast gefallen war.

Bald kamen sie an ein kleines Häuschen. Ritter André bückte sich und folgte der Hexe durch eine niedrige Tür. Im Innern war das Häuschen voller Kram. Aus einem Schrank nahm die Hexe ein Schächtelchen und wickelte über zwei Spindeln ein dunkles Band hinein und sprach: "Nimm dieses Schächtelchen und gehe zu Deinem Vögelchen. Es soll das Schächtelchen mit in die Burg nehmen und dort in ein finsteres Eck legen. Dann soll es noch einmal für den Ritter Peter singen, wie es in jeder Nacht gesungen hat und in der nächsten Nacht wird dann das Schächtelchen singen und Peter wird nicht merken, dass sein Vöglein ausgeflogen ist, weil er blind ist. Das Schächtelchen wird dann jede Nacht singen und Deinem Mädchen wird eine neue Seele nachwachsen und es wird in die Stadt ziehen und eine große Sängerin werden."

Ritter André nahm das Schächtelchen, bedankte sich bei der alten Frau und eilte in das Dorf. Doch das Mädchen war schon zur Burg gegangen. Da eilte André zur Burg. Er gab dem Wächter einen Taler und wurde eingelassen und er kam gerade recht, als Alexandra zu singen begann. André versteckte sich in einem dunklen Eck und legte das Kästchen neben sich. Und die zarte Sängerin sang so lieblich und schön und so traurig zugleich, dass dem Ritter André vor Rührung Tränen über die Wangen rollten. Dann schlich er sich davon.

Am nächsten Morgen besuchte Ritter André das Mädchen Alexandra und er gab ihr einen Taler: "Fahr in die Stadt, Du brauchst nicht mehr in Peters Burg zu singen. eine neue Seele wird Dir wachsen und Du wirst eine große Sängerin werden." Sie bedankte sich artig und tat was André ihr gesagt hatte. Sie fuhr in die Stadt und wurde eine große Sängerin. Und Ritter Peter merkte nichts, denn er war blind und er hörte das Mädchen in jeder Nacht singen, und er hörte keinen Unterschied. Nur die Wachen sind ihm bald davongelaufen.

Der Ritter André aber sah sein Mädchen nie wieder, so als wäre auch er blind geworden, nur Nachts hörte er sie noch manchmal in seinen Träumen singen. Dann dachte er, er hätte sich lieber etwas anderes wünschen sollen.