Ritter André raubt den Goldschatz

Nachdem Ritter André unter die Räuber geraten war, wurde aus ihm ein Raubritter. Und André raubte die Reichen aus, denn die Armen hatten ja nichts, und er führte ein ausschweifendes Leben. Doch bald gab es keine Reichen mehr und Ritter André mußte hungern wie alle anderen auch.

Eines Tages aber hörte André die Leute erzählen, dass sich in der Burg des guten Ritters Goldherz ein großer Goldschatz befände. Von diesem Tag an, fand Ritter André keine Ruhe mehr: Des Nachts hungerte er und träumte vom Goldschatz und tagsüber hungerte er und dachte ständig an den Schatz. Schließlich beschloß er, ihn zu rauben. Aber die Burg von Ritter Goldherz war groß und fest.

So versuchte es André mit einer List: Aus seiner Räuberhöhle kramte er einen silbernen Staubsauger, den er vor Jahren einem reichen Kaufmann gestohlen hatte, und er machte sich auf den Weg zur Burg von Ritter Goldherz. Um sich zu tarnen, ließ er seine schwarze Raubritterrüstung zu Hause.

An der Burg angekommen, klingelte André. Da erschien auf der höchsten Zinne des höchsten Turmes seiner Burg der Ritter Goldherz. Er hatte eine goldene Rüstung an und sie war golden, von der Spitze des Helmes bis zu den Sohlen der Stiefel, denn er war ein guter Ritter. Und die goldene Rüstung schimmerte in der Sonne, als Goldherz rief: "Wer ist da, und was wollt Ihr?"

"Mein Name ist André Faulstaub und ich verkaufe silberne Staubsauger." antwortete André. Da entgegnete der goldene Ritter: "In meiner Burg ist kein Staub, nur Gold, und außerdem haben wir keine Steckdosen, wir leben hier noch im Mittelalter!" Da rief André: "Keine Sorge, mein Staubsauger braucht keinen Strom. Er arbeitet mit Pech und Schwefel und er saugt für Euch die Sterne vom Himmel und macht daraus güldene Taler." "Was soll er denn kosten?" fragte Ritter Goldherz vom Turm. "Wie es Euch beliebt," antwortete André, "dies ist eine Sonderaktion."

Da freute sich Ritter Goldherz, er kletterte vom Turm, ließ die hölzerne Zugbrücke über den Burggraben und öffnete das Tor. "Kommt herein, lieber Herr Faulstaub!" sagte Goldherz, "Ich kaufe das Gerät." Ritter André schritt über die Brücke und trat ein in die Burg. Da taten ihm die Augen weh: Denn wie die Burg von außen aus festem Stein war, so war sie innen aus purem Gold und überall glitzerte und funkelte es.

Da trat eine schöne Prinzessin in den Raum: Ihr langes Haar war golden, ihr Gesicht, ihre Arme und Beine waren wie aus Lindenholz geschnitzt und sie hatte ein grünes Kleidchen an. Ritter André freute sich, bei dem Anblick der Prinzessin, weil sich seine schmerzenden Augen endlich ausruhen konnten. "Darf ich vorstellen, Herr Faulstaub, das ist meine Prinzessin Gabriele mit den goldenen Haaren.", sprach Ritter Goldherz und André küßte die Hand der Prinzessin.

Goldherz öffnete eine goldene Truhe und nahm daraus eine kleine Münze, und sagte: "Hier hast Du ein Goldstück für Deinen Staubsauger, denn Silbermünzen habe ich leider keine." Ritter André aber war von der Schönheit der Prinzessin benommen und sein Herz rutschte in die Hose. Außerdem hatte er seine schwarze Rüstung zu Hause gelassen, um sich zu tarnen. So wagte er nicht, den Goldschatz zu rauben. Stattdessen bedankte er sich schnell und verabschiedete sich und ging zurück zu seiner Höhle. Doch nachts träumte er vom Gold und von der schönen Prinzessin und er beschloß, am nächsten Tag wiederzukommen.

In der gleichen Nacht jedoch füllte Ritter Goldherz Pech und Schwefel in den Staubsauger, weil er die Sterne vom Himmel saugen wollte, um güldene Taler daraus zu machen. Aber der Staubsauger saugte nicht. Daraufhin wurde Ritter Goldherz böse. Er ging in seiner Burg auf und ab und er fand keinen Schlaf. So sattelte er in aller Frühe sein güldenes Pferd und machte sich auf den Weg zur Verbraucherberatung.

Auch Ritter André hatte nur wenig Schlaf gefunden. Er legte am Morgen seine schwarze Rüstung an, sattelte seinen schwarzen Hengst und ritt zur großen Burg und klingelte dort. Da hörte er vom hohen Turm die helle Stimme der Prinzessin Gabriele: "Wer ist da und was wollt Ihr?" André antwortete: "Mein Name ist André Faulstaub, ich verkaufe Ersatzteile für Staubsauger." Da entgegnete die Prinzessin: "Mein Mann ist nicht zu Hause und Eure Rüstung ist schwarz und ich befürchte, dass Ihr sein Gold rauben wollt." André erwiderte: "Nein, nein, ich komme nur wegen Euch, liebe Gabriele." Da kullerten ihr gläserne Tränen aus den Augen und die Prinzessin antwortete "Ach wärs denn so, ich würde gerne mit Dir kommen, denn mein Mann liebt mich nicht, er liebt nur meine goldenen Haare." André freute sich: "Ich liebe Euer Gesicht aus Lindenholz, Eure Arme und Beine und was in Eurem grünen Kleidchen ist."

Weil Goldherz das Tor verschlossen und den Schlüssel mitgenommen hatte, band Prinzessin Gabriele ihr goldenes Haar an den Turm der Burg und kletterte an Ihrem eigenen Haar hinunter zu Ritter André, so lang war ihr goldenes Haar. Doch als sie unten angekommen war, konnte sie nicht mit André fliehen, denn ihr Haar war ja noch am Turm angebunden. Da nahm der Ritter sein Schwert, schnitt ihre Haare entzwei und sprach: "Komm mit mir, in meine Höhle, süße Gabriele!" Doch die Prinzessin antwortete: "Der Ritter Goldherz hat mir das Herz gebrochen, ich will Dich gerne mal besuchen, aber ich will alleine leben." und sie ging zu den Zigeunern und lebte fortan in einem Wagen am Fluß.

Ritter Goldherz hatte unterwegs den Staubsauger für zwei Goldstücke verkauft und er kehrte glücklich heim. Er bemerkte die goldenen Haare am Turm und zog sie hinein in seine Burg, das Verschwinden der Prinzessin aber bemerkte er nicht.

Ritter André hatte alles verloren: seinen silbernen Staubsauger, den Goldschatz und sein Herz. So setzte er sich unter einen Lindenbaum und weinte bittere Tränen.