Ritter André wird vom Teufel geholt

Nachdem Ritter André sein Herz verloren hatte, wurde er böse: Er raubte den Menschen das Geld wo er es holen konnte und wer kein Geld hatte, dem raubte er das Leben.

Eines Abends, als Ritter André auf seinem schwarzen Hengst reitend den Wald durchstreifte, sah er auf einer Lichtung unter einem großen Kastanienbaum ein kleines Männlein stehen und herüberblicken. Da gab André seinem Pferd die Sporen, dass das Tier laut aufheulte und er sprengte im Galopp zur großen Kastanie, denn das Männlein sollte ihm nicht entgehen.

Doch kaum hatte der Ritter seinem Pferd die Sporen gegeben, da begann das Männlein davonzuhinken und als André am Baum angekommen war, war das Männlein schon ein Stück weiter und als André dort war, war das Männlein wieder ein Stück weiter. So wurde der Abstand zwar immer weniger, aber der Ritter konnte den Davonhinkenden nicht einholen, egal wie sehr er seinen Hengst auch antrieb. Kaum hatte André sich über diese unheimliche Begebenheit zu wundern begonnen, da erhob sich plötzlich vor ihm eine dunkle Felswand und das Männlein verschwand in einer großen Höhle aus der ein Feuerschein herausleuchtete.

Wild zog Ritter André an den Zügeln seines Pferdes. Da bäumte sich das Tier auf und André fiel kopfüber in das offene Maul des Berges und hinter ihm donnerte und blitzte es. Kaum war André im warmen schwarzen Sand des Höhlenbodens gelandet, hörte er ein schallendes Lachen und als er aufblickte sah er vor dem hellen Feuerschein das finstere Männlein stehen. Und André erkannte, dass das Männlein einen Pferdefuß hatte und auf dem Kopf wuchsen ihm Hörner wie einem Ziegenbock. Da erschrak der Ritter und als er davonlaufen wollte, war es, als wäre der Höhleneingang spurlos verschwunden.

Das Männlein lachte und sprach: "Dein Maß ist voll. Du hast es so gewollt. Aus freien Stücken bist Du in die Hölle gefahren." Da fluchte der Ritter und aus dem Feuerschein kamen zwei Teufel herbeigehinkt und sie fesselten den Ritter und banden ihn an einen langen Stock und trugen ihn davon.

Bald wußte André nicht mehr, wie lange ihn die Teufel so getragen hatten, er merkte nur, wie seine Hände schmerzten, die um die Stange gebunden waren, und dass es immer wärmer wurde. Neben sich sah er im rötlichen Feuerschein die Höhlenwände vorüberhuschen. Den Höhlenboden aber bedeckte schwarze Asche und die Luft war von beißendem Qualm durchzogen, so dass der Ritter husten mußte und seine Zunge klebte ihm am Gaumen. Aus der Ferne aber hörte André ein leises Wimmern, das allmählich lauter wurde und in ein erbärmliches Heulen und Klagen überging.

Da erreichten die Teufel einen großen kupfernen Kessel. Sie lösten dem Ritter die Fesseln, packten ihn an Armen und Beinen und mit einem Schwung warfen sie ihn durch die heiße rauchige Luft. Kaum hatte André erschrocken alle Viere von sich gestreckt da platschte er in siedendes Öl. Er schrie auf vor Schmerz und dachte, auf der Stelle sterben zu müssen, doch das tat er nicht, denn er war ja in der Hölle. Er zappelte und schnappte nach der rauchigen Luft, die ihm plötzlich wie ein kühler Meereswind erschien, doch am Kessel stand ein dicker Teufel. Der lachte und stieß mit einem großen Holzlöffel nach dem Ritter und rührte ihn in die kochende Brühe.

So zappelte André im heißen Öl und schnappte verzweifelt nach der rauchigen Luft. Und es vergingen Sekunden und Minuten und Stunden und Tage und Wochen und Jahre und Jahrzehnte.

Nur selten gab es einen kurzen Moment der Erleichterung, wenn Andrés teuflischer Bewacher eine Zigarettenpause einlegte oder wenn irgendwo Krieg war und die Teufel ausschwärmten, um die Soldaten zu holen.

In solchen seltenen Momenten gelang es dem Ritter, sich aus dem kupfernen Kessel zu befreien und er kauerte am Boden neben dem Feuer, weinte und jammerte und zitterte vor Angst oder er versuchte davonzulaufen. Dann bemerkte er auch die vielen anderen kupfernen Kessel, in denen seine Leidensgenossen zappelten. Und wenn sich einmal zwei dieser Höllenbrüder außerhalb ihrer Kessel trafen, so beklagte jeder sein eigenes Schicksal und weinte salzige Tränen um sich selbst, wohl wissend, dass ihm sonst niemand eine Träne hinterherweinen würde.

Eines Tages aber, als Ritter André wieder einmal eine kurze Pause von seiner schier endlosen Pein einlegen konnte, weil sein Bewacher eine Zigarette rauchen gegangen war, beobachtete er etwas merkwürdiges: Sein Nachbar, ein dicker Kahlkopf, stieg aus seinem kupfernen Kessel und half dem Teufel dabei, Holz und Kohlen nachzulegen und das Feuer zu schüren. Dann stieg der Nachbar wieder zurück in den Kessel. Und das alles, ohne sich zu beklagen! Der Teufel des Nachbarn rührte auch nicht im siedenden Öl, sondern hatte seinen Löffel an den kupfernen Kessel gelehnt und rauchte in Ruhe eine dicke Zigarre. Stattdessen tauchte der kahlköpfige Nachbar dann und wann von selbst in dem Öl unter, aber er zappelte nicht, sondern er lächelte dabei und zwischendurch plauderte er mit seinem Teufel.

Da wären dem Ritter fast die Augen ausgefallen, doch schon kehrte sein eigener Bewacher von der Zigarettenpause zurück, schnappte den armen Ritter und warf ihn in hohem Bogen in den kupfernen Kessel und André schrie vor Angst und Schmerzen, als würde er bei lebendigem Leibe am Spieß gebraten.

Doch als sein Bewacher wieder einmal verschwunden war, André wußte nicht, ob in der Zwischenzeit Stunden oder Jahre vergangen waren, kletterte der Ritter aus seinem höllischen Kupferkessel und schlich sich zu dem merkwürdigen Nachbarn. Der saß im dampfenden Kessel und lächelte als sei der Kessel eine Badewanne. Dabei konnte André mit eigenen Augen sehen wie das Öl, in dem der Nachbar schwamm, kochte und blubberte, und er spürte die Hitze des Feuers. Doch schon kam Andrés Bewacher wieder herbei, packte den Jammernden beim Genick und warf ihn zurück in sein Schicksal.

In der nächsten Pause kletterte André noch schneller als je zuvor aus seinem kochenden Gefängnis und er sprang geschwind an des Nachbarn Kessel, räusperte sich und fragte hastig: "Wer seid Ihr und wie kommt es, dass Ihr nicht zappelt und schreit wie all die anderen, sondern sogar Eurem eigenen Teufel beim Feuermachen helft?" Da tauchte der kahlköpfige Nachbar im siedenden Öl unter und als er wieder auftauchte lächelte er und sprach: "Mein Name ist Mannhart von Karststein. In meinem früheren Leben war ich ganz ein Schlimmer. Doch nun habe Ich einen Weg aus dem Leiden gefunden: Den achtfachen Weg der Erkenntnis. Bald wird man mich wegen guter Führung entlassen." und er nickte seinem eigenen ungeheuren Bewacher freundlich zu und versank wieder in der kochenden Brühe.

Als Mannhart wieder auftauchte, fuhr er fort zu erklären: "Du solltest die schlechten Ursachen erkennen, die Dich hierhin geführt haben. Von jetzt an sollst Du für Dein Glück kämpfen indem Du Dich für das Wohl Deiner Mitmenschen einsetzt. Du mußt lernen, Deine aktuellen Schwierigkeiten als Herausforderung zu sehen und Du darfst nicht länger Deinen Kopf hängen lassen."

Da beschloß Ritter André, den Kopf nicht länger hängen zu lassen und er hörte auf, zu jammern und salzige Tränen zu weinen. Stattdessen begann er, seine aktuellen Schwierigkeiten als Herausforderung zu sehen, und er bereute sei früheres Leben. Er ging zurück zu seinem kupfernen Kessel und kletterte lächelnd hinein. Bald würde er aus der Hölle entlassen werden und von da an würde er für sein Glück kämpfen, indem er sich für das Wohl seiner Mitmenschen einsetzte.

Und tatsächlich kam es so wie der Ritter beschlossen hatte.

Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.