Zum Wittgenstein-Tractatus

Ich verstehe das Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Wittgenstein (1918) so:

Wittgensteins Arbeit ordne ich zwischen antimetaphysischer Sprachphilosophie und positivistischer Selbstironie ein.

Die antimetaphysische Sprachphilosophie kommt zu dem Schluss, dass die Sinnfrage nicht beantwortbar und deshalb sinnlos ist. "Positivistische Selbstironie", weil sich die Metaphysik nicht wegdiskutieren lässt.

Wittgenstein schreibt im Vorwort desTractatus: "Ich bin also der Meinung, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben."

In Wikipedia (12. Nov 2006) steht dazu: "Wittgenstein selbst glaubte mit dem Tractatus alle philosophischen Probleme gelöst zu haben und setzte sich in Österreich als Schullehrer zur Ruhe. Derweil erlangte das Werk das Interesse des Wiener Kreises, darunter das Rudolf Carnaps und Moritz Schlicks. Die Gruppe verbrachte mehrere Monate damit, das Werk Satz für Satz durchzuarbeiten, und schließlich überredete Schlick Wittgenstein, mit dem Kreis das Werk zu diskutieren. Während Carnap lobte, dass das Werk wichtige Einsichten vermittele, bemängelte er die letzten Sätze des Tractatus. Wittgenstein sagte daraufhin Schlick, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass Carnap die Absicht und den Sinn des Tractatus derart missverstanden habe."

Wie kann es sein, das nach Beantwortung der wissenschaftlichen Fragen keine Frage mehr übrig bleibt?

Die Sache ist die, dass man nur sinnvolle Fragen beantworten kann. Oder man kann auch sagen, nur beantwortbare Fragen sind sinnvoll. Das heißt, wenn man eine Frage stellt, sollte schon klar sein, dass sie prinzipiell beantwortbar ist und man sollte zumindestens ungefähr einen Weg kennen, auf dem man sie beantworten kann: Das heißt, man muss operationale Definitionen, also Messvorschriften, mitliefern. Und die Messung muss prinzipiell durchführbar sein. Messung heißt in diesem Zusammenhang nachvollziehbare (= objektivierbare) Feststellung von Tatsachen.

Sinnlose Fragen sollte man besser ganz lassen. Zumindest sollte man sich und andere nicht damit quälen, weil sie ja ohnehin nicht beantwortbar sind.

Für metaphysisch veranlagte Menschen bleibt halt ein Geheimnis, vor dem man verstummt. Ich empfehle dazu, meine Zen-Webseite.

Die Frage nach der Existenz Gottes und die Frage nach der wahren Religion gehören nicht zu den sinnvollen Fragen, weil es unklar ist, auf welchem Weg man sie beantworten soll. Obwohl diese Fragen schon seit Jahrtausenden die Philosophen umtreiben, hat noch keiner einen Ansatz zu einer nachvollziehbaren Antwort gefunden.

Für metaphysisch angehauchte Leute, hat Wittgenstein einen Trost übrig (mit positivistischer Selbstironie und antimetaphysischer Ironie):

"Und wenn ich mich hierin nicht irre, so besteht nun der Wert dieser Arbeit zweitens darin, dass sie zeigt, wie wenig damit getan ist, dass die Probleme gelöst sind." (TLP Vorwort)

"Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort. Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand?)." (TLP 6.52)

Ich empfehle dazu meine WebSeite über den Sinn des Lebens.

Wenn jemand an Christus glaubt, ist das eine Entscheidung und lässt sich nicht begründen. Es macht keinen Sinn, darüber zu diskutieren. Christen können zwar Gründe aufzählen, aber diese Gründe sind nicht allgemein nachvollziehbar. Und Positivisten können sagen, dass die Biologie, Psychologie oder Hirnforschung eine Erklärung für den Glauben liefern könnten. Aber weder die Existenz Gottes noch die Auferstehung von Jesus sind widerlegbar.

Sätze, die sich weder bestätigen noch widerlegen lassen, sind sinnlos.

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.

Und was sagt Sokrates? Laut Wikipedia (12. Nov 2006) (Kennt jemand die Quelle dieser Interpretation?): >>Als bekanntester seiner Aussprüche gilt: "Ich weiß, dass ich nichts weiß" (altgr. oída ouk eídos). Gemeint hat er damit allerdings folgendes: "Ich scheine also um dieses Wenige doch weiser zu sein, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen."<<

Das Sprechen der Metaphysiker über Gott oder über Sinn hat keinen Gehalt: Es sind leere Sätze. Eine emotionale, ästhetische oder politische Bedeutung kann natürlich trotzdem vorhanden sein. Darüber kann man diskutieren und auch darüber, woher die menschliche Neigung zur Metaphysik kommt.